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Weg von der Gemeinde, hin zur Metropole: Adoptionsprobleme der Internetdienste

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In Antwort auf die gute, doch meiner Ansicht  nach ein wenig in die falsche Richtung pointierende Kolumne „Mehr Bewegung, liebe Netzgemeinde! Wenn wir nur auf Twitter und Facebook vertrauen, bleibt das Netz in der Hand der NSA“ von Luca Caracciolo (@L_Caracciolo) auf t3n.

Vorweg muss ich betonen, dass ich es leider nicht auf die re:publica 2014 schaffte. Somit habe ich die sagenumwobene Rede Sascha Lobos nicht miterleben können. Nichtsdestoweniger muss ich hier einmal meine Ansicht kundtun. 

Die Sache mit der Internetadoption

Ich bin höchstwahrscheinlich durch meinen akademischen Hintergrund und durch meine momentane Masterarbeit ein wenig voreingenommen. Trotzdem sehe ich das Problem der Internetadoption, bzw. der Diffusion (e.g. Rogers, 2003) von Internetdiensten in Deutschland, nicht bei denen die die Produkte oder Dienstleistungen frühzeitig annehmen und ausprobieren (Early Adpoters). Zu letzteren zählt die sogenannte Netzgemeinde. 
Vielmehr ist es der Sprung von denen digital-affinen Personen, denen die Sachen im Internet gerne Ausprobieren (Innovators, Early Adopters), hin zur Masse. 
Aus der Unternehmensperspektive gibt es hierzu den Klassiker „Crossing the Chasm“ von Moore (1991), in welchem Marketing-Taktiken zur größeren Verbreitung von High-Tech-Produkten beschrieben werden. 
Aber hier geht es nicht um ein Unternehmen, sondern um ein gesellschaftliches und politisches Problem. Sicherlich können auch Firmen einen Beitrag dazu leisten. In der Kolumne ist aber von der Netzgemeinde die Rede. Die Nutzer, die Gemeinschaft, ist hier am Zug.

Um es anders aufzurollen: Wie kann die Netzgemeinde die Masse davon überzeugen die „richtigen“ Produkte und Dienstleistungen zu nutzen? 

Im Gegensatz zu Luca sehe ich das Problem nicht darin, dass mehr Tools und Dienste angeeignet werden müssen, eher darin die Produkte, die etwas versprechen, die einen Mehrwert bieten, zukunftsweisend sind und auch den richtigen Standard verfolgen, an die Masse zu bringen. Wie mache ich die Netzgemeinde zur Metropole? 

Leider kommen hier wieder so schlimme Konzepte wie Marketing und Kommunikation zum tragen. Muss das denn sein? Können wir doch nicht lieber mehr Produkte ausprobieren?

Der Fall App.net und Bezahldienste

Da in dem Artikel die Social Media Plattform App.net angesprochen wird, will ich das hier nun weiterführen um meinem Standpunkt Nachdruck zu verleihen.  

App.net ist und war eine tolle Idee. Ich bin selbst dort anzutreffen. Doch leider versammelt sich dort  nur die Netzgemeinde. Also ich zumindest kenne sonst sehr wenige die diese Plattform nutzen. 

„Ach, also wie Twitter?“ So, oder so ähnlich mag die Antwort auf die Erklärung des Sinns ausgehsehen haben. Sofern Twitter überhaupt ein Begriff ist. 

Darüber hinaus ist der Sinn der Bezahlung ausschlaggebend. Wer würde für Facebook zahlen? Ich habe diese Frage gerne mal in meinem Freundeskreis verbreitet, da meine (Verschwörungs-)Theorie schon lange ist das jemand den blauen Riesen mal zur Bezahlfunktion führt. Und ich bin noch der festen Überzeugung, dass vielleicht 20 Prozent der Nutzer abspringen würden. Es ist doch fast schon die Email der Neuzeit. 

Das alles ist sehr unwahrscheinlich. Die Daten sind für Facebook viel wichtiger als Geld, zumindest primär. 

Wenn aber, wie es Gang und Gebe ist, keiner mehr für etwas zahlen möchte, besser es gar nicht mehr gewöhnt ist, wie soll sich so etwas durchsetzen? Stichwort: Freemium. Stichwort: Spotify. Um letzteren Dienst aufzugreifen gibt es einige die gern dafür zahlen. Viele „erdulden“ aber weiterhin die Werbung. Spotify spielt schon mit der Reduktion der Werbung, doch wann kommt der Schritt sich vom Wachstum und der Nutzerakquise zu trennen und es bezahlpflichtig zu machen? Pflicht, pfui, niemals! So eine Option ist übertrieben und kontraproduktiv.

Dennoch vertrete ich den Punkt dass verdeutlich werden muss das nichts umsonst ist. Entweder zahle ich in monetären oder anderen Mitteln (Zeit, Nerven, oder eben Daten). Wenn so etwas ansprechend dem Nutzer dargestellt und kommuniziert wird, vielleicht gibt es dann einen Umschwung. Also die richtige Kommunikation der Netzgemeinde nach Außen.

Ich bin Netzgemeinde

Bin ich Netzgemeinde, also Digitalo, oder bin ich Normalo? Überspitzt und sicherlich nicht passend. Nichtsdestotrotz stelle ich mir oft diese Frage. Vielleicht sollten das viele tun, um sich auch in andere Gruppen hineinzuversetzen. 

Eigentlich sehe ich mich als “Early Adopter”. So auch auf App.net. Heißt, ich nehme mir gern die Zeit neue Produkte und Dienstleistungen auszuprobieren. Ihnen eine Chance zu geben. Aus Interesse. Aus Überzeugung. Viele tun das nicht. Viele nehmen das was den wenigsten Widerstand bietet, was funktioniert, was alle benutzen (Netzwerkeffekt, Netzwerkexternalität). 
Leider gehöre ich hier teilweise auch dazu. 

Beispiel Whatsapp(-Kauf durch Facebook): Ach, was ging eine Diskussion durch die Netzgemeinde und die “Außenwelt”. Viele wechselten und blieben. Viele wechselten und kamen zurück. Viele wechselten erst gar nicht. 
In meinem Fall, ich bin ohnehin auf zig Tausend, zig Millionen, zig …, auf vielen Nachrichtendiensten. Warum ist Whatsapp dennoch für mich(schuldig!!), wie für viele andere, eines der primären Plattformen? Ich habe dort Freunde, viele davon in der ganzen Welt. Und diese nutzen es. Klar, ich kann sie versuchen auf andere Dienste zu locken, sie von der Qualität der Konkurrenz zu überzeugen. Muss und will ich auch! 
Nehmen wir an, meine (direkten) Freunde verstehen meine Argumente und akzeptieren meinen Rat. Ihre Freunde, ihr Netzwerk, sind aber noch lange nicht dort. Heißt, sie müssten auf zwei, oder mehreren, Diensten kommunizieren. Machbar, aber irgendwann auch schlicht und ergreifend nervig. 
Nun das Spiel zurück. Meine Freunde kommunizieren nicht mit mir, weil ein anderer Dienst geläufig(er) ist. Mache ich einen auf MoF (Mensch ohne Freunde), oder gebe ich mich geschlagen und passe mich an? 

Auf der Suche nach der (Er)Lösung 

Ehrlich gesagt, auch mit dieser Kritik an der Kolumne bin ich noch lange kein Messias (oder ein Social Media Evangelist) und gehe mit einigen, den meisten, Punkten von Luca d’accord. Es ist ein Problem dass es schnell zu lösen gilt!

Vielleicht sollte die Netzgemeinde, um der Analogie des Messias zu folgen, anfangen zu steinigen. Meiner Meinung Bedarf es aber beidem. Ein gewisser Einfluss von „offizieller“ Seite, und auch dem Druck der Freunde. Auch wenn diese dem heiligen Kreis der Netzgemeinde angehören. 

Auf yeebase medias (t3n) neuem Magazin „Neustart“ prangert MC Fitti. Das Heft ist zwar auch eher auf die Digitalos aus, aber mein Punkt ist, dass diese Werbeikone sogar bei meinen jüngeren und auch älteren Normalo-Verwandten irgendwie ankam. Nicht adäquat, aber ein Mittel um Leute zu erreichen? In der Politik, um auf eine (andere) offizielle Sache zu verweisen, läuft bekanntermaßen nicht viel. Einen Internetminister gibt es nicht.

Klar, einige werden nun behaupten die Politik hätte nichts damit zu tun, oder sei sowieso verfehlt, oder nicht in der Lage. Mag sein. Oft ist es aber die PR. Es geht schließlich um die Öffentlichkeit, die „Außenwelt“. Meiner Meinung nach hilft es eine Person zu haben die öffentlichkeitswirksam, nicht nur in der Netzgemeinde, eine Sache vertritt. Eine Henne, oder ein Ei, muss es geben. 

Ach hier, Neuland und so.

Sascha Lobo, um den Bogen zu schlagen, ist populär. Kann man durchaus so sagen. Doch wie die re:publica ist er in seinem Publikum, in der Gesellschaft, noch sehr eingegrenzt. Es ist eine tolle Tendenz, wie man an der Beteiligung von atypischen Digitalos sieht. Jedoch hat sonst kaum jemand der Normalos davon gehört. 
Als ich noch plante Anfang Mai in Berlin zu sein und meine Freunde um Asyl bat, hieß es nur: „Wasn das?“, „wozu soll das sein?“.

Es gilt den Punkt Internetnutzung, mitsamt Möglichkeiten und Gefahren, auf die Tagesordnung zu bringen. Die Politik ist hierbei ein valider Schritt. Zwar mag die Glaubwürdigkeit einiger dort aktiver Individuen nicht groß sein, aber Fakt ist, dass in den Medien, am Stammtisch, beim Wasauchimmer, irgendwie, irgendwann dort doch einmal darüber geredet wird. 
Wenn von der Politik und von Freunden Informationen präsentiert werden, kommt es vielleicht an.

Die Essenz

Wie Luca in der Unterüberschrift schreibt, muss sich die Netzgemeinde definitiv mehr aus ihrer Filterblase bewegen. Die Grenzen müssen aufgebrochen und verwischt werden. Die Diskussion muss außerhalb der Netzgemeinde stattfinden. 
Auf der anderen Seite finde ich es aber nicht passend zu sagen, dass die Digitalos sich noch mehr Tools und Dienste aneignen sollen. Ich glaube die meisten tun das sowieso aus Lust und Laune. Das ist nicht das Problem. Vielmehr sollte das Für und Wider entsprechend präsentiert werden (Kosten vs Nutzen) und vielleicht Anleitungen und Tipps zur Nutzung dargelegt werden. Auch in der Sprache und Medien der – ich muss mich wohl noch für den Begriff entschuldigen – Normalos. 
Von einem „Super Happy Customer Success Social Media Integration Evangelist“ das Überraschungsei Internet erklärt zu bekommen, ist für viele sicherlich etwas irritierend. Zumindest in Deutschland. Vielleicht konzentriert man sich lieber mal auf die Form und das Äußere (Schokolade und Eiförmig) und nicht gleich auf das tolle Spielzeug welchen Sinn (zuerst) nur Interessierte sehen. Anders als in diesem absurdem Beispiel hat die Spielerei sicherlich bei den Internetdiensten einen tieferen, wertvolleren Grundgedanken. Grundsätzlich sollte aber zuerst mit der Schokolade und womöglich nicht gleich mit dem Innenleben geworben werden.  

Was ich, ganz unter dem Strich, aus der Kolumne und meinen einfallslosen Kommentaren, weitergeben und verbreiten möchte ist dies: Vielleicht sollten wir, diejenigen die neuartige, zukunftsweisende Dienste nutzen, etwas konsequenter sein – in unserer eigenen Nutzung und in der Kommunikation nach außen. 
Der Absatz in Lucas Kolumne „Eigen Dienste, eigene Macht“ ist hier treffend. Wir müssen uns unsere eigenen Verantwortung bewusst werden und auch andere Wege zur Kommunikation und Interaktion bestreiten. Mehr Bewegung, definitiv. Aber nicht nur beim alljährlichen Dorfkick. 

Wer in den Twitter-Wald hineinruft, kommt sicherlich nicht in der Großstadt an. 

My 2 cents. /jsw

Analog hierzu, auch wenn nicht zwingend passend, der Artikel von Elizabeth Bernstein: „He Texts, She Tweets—Are They E-Compatible?“.
 

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