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Digitale Agenda: Maßnahmen zur Beschleunigung der Digitalisierung in Deutschland [#BCBS14 – Session]

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Update: Heute [22. Juli, 2014] wurde auf netzpolitik.org der aktuelle Entwurf der Digitalen Agenda 2014-2017 der Bundesregierung veröffentlicht (perfektes Timing). Einige Punkte dieses Blogbeitrages sind auch dort wiederzufinden. Nichtsdestoweniger bin ich, wie auch Markus Beckedahl von netzpolitik.org nicht ganz überzeugt. Aber macht euch selbst ein Bild: 

Beckedahl, M. (2014, Juli 22). Wir präsentieren den Entwurf der Digitalen Agenda. Abgerufen am 22. Juli, 2014, auf netzpolitik.org: https://netzpolitik.org/2014/wir-praesentieren-den-entwurf-der-digitalen-agenda/


Auf dem Barcamp Bodensee (@barcampbodensee, #bcbs14) in Friedrichshafen am 5. August 2014 initiierte ich eine Session, eine Diskussion, über die Digitalisierung in Deutschland, welche Herausforderungen und Chancen bestehen und welche Maßnahmen zur Beschleunigung notwendig sind.

Entstanden ist ein intensiver Gedankenaustauch mit u.a. Andreas Sutor (@andorweb), Markus Knittig (@mknittig), und Markus Siepmann (@markus_siepmann).
Ferner wohnte, wie in meinem vergangenen Blogpost über das Barcamp (in Englisch) erwähnt, auch Herr Prof. Dr. Jörn von Lucke vom ‚The Open Government Insitute‘ (TOGI) an der Zeppelin Universität der Session bei. Aufgrund seines Hintergrunds und der einhergehenden Erfahrung leitete er die Strukturierung der Gedanken. 

Hinsichtlich des Informationsgehaltes der Diskussion und der Zeitbegrenzung, entschlossen wir uns zu späteren Stunde noch eine Follow-Up/Wrap-Up Session zu veranstalten. Leider war hier die Partizipation schlussendlich und wider Erwarten geringer. Dies lag höchstwahrscheinlich an der Uhrzeit, der Müdigkeit der Teilnehmer, so wie – natürlich – auch dem Angebot an tollen anderweitigen Diskussionen. Nichtsdestoweniger setzten Herr von Lucke und ich uns zusammen und formulierten präzisere Items, bzw. genauere Handelsempfehlungen, für eine kurze Meinungsbildung als Test für weitere (Nach-)Forschung. 

 

Digitalisierung in Deutschland – Mein Gedankenanstoß

Meine Intention, als ich die Veranstaltung vorschlug, entsprang primär aus der momentanen Debatte um die langsam voranschreitende Digitalisierung und die Rolle der Netzgemeinde, wie ich beispielsweise in meinem Post „Weg von der Gemeinde, hin zur Metropole“ sowie meiner Leseempfehlung (Shelfie) zum Artikel „Der gedrosselte Adler“ im Magazin Neustart andeute.
Die Netzgemeinde soll mehr neue Sachen ausprobieren und annehmen (Adoption) um die Digitalisierung voranzutreiben. Meiner Meinung nach liegt genau hier das Problem. Die Netzgemeinde besteht aus technikaffinen und interessierten Personen die ohnehin viel offener für neue Technologien sind und auch gerne Innovation, neue Produkt und Dienstleistungen, ausprobieren. Vielmehr muss die Brücke zum Otto Normalverbaucher geschlagen werden. Denen die dem ganzen Technologiebombardement etwas skeptisch gegenüber stehen. 

Die German Angst

Sebastian Matthes spricht in seinem Artikel in der Huffington Post sogar von einer Technikfeindlichkeit der Deutschen. Hierbei gibt er auch einige gute Beispiele, wie die helle Aufregung um die Vermessung der Straßen durch Google (Google Street View), die Angst vor dem Jobverlust durch Automatisierung und Computer/Roboter, oder die Angst vor dem Verlust der Lesekultur durch eBooks. Letzteres hatte ich schon Anfang 2011 in meiner Bachelorarbeit über die Adoption von eBooks ind Deutschland angemerkt. 

Fakt ist, die German Angst, wie sie international schon bekannt ist, besteht. Wie manche der Industrialisierung hinterher sind, dürfen wir aber die digitale Revolution nicht verschlafen.  

Die gesellschaftliche Stimmung

Dirk von Gehlen beschreibt in seinem Blogpost vor einigen Wochen wie ein Tabakunternehmen in seiner Werbungen die digitale Welt als schlecht darstellt. Dirk formuliert das – gewollt provokativ – dann so: „Echter Rauch ist besser als doofes Internet„. Heißt, er sieht Werbekampagnen als Maßstab für die gesellschaftliche Stimmung. Und er hat damit nicht ganz Unrecht. 

„Die Digital-Skepsis scheint in diesem Land plakattauglich zu sein. Sie ist so ausgeprägt, dass sie als Transportmittel für ganz andere Botschaften dient: Was überall mit Abschreckbildern von Raucherbeinen und Lungenkrebs bedacht wird, kann in diesem Land noch als Ausweis des Guten und Wahren gelten – wenn es mit dem Digitalen kontrastiert wird.“ (von Gehlen, 2014)

Auch wenn sicherlich nicht alles gut ist und insbesondere die Kommunikation über Facebook & Co. kein Gespräch in Person ersetzen kann, ist dies doch bezeichnend für die Situation in Deutschland. 

Die Schwarzmalerei, auch in den Medien (außer den Tech-Magazinen), ist sicherlich ein Teil des Problems. Insofern ist Jörg Friedrichs Artikel in der FAZ eine Rarität. Hier schreibt er, dass die Angst um den Datenschutz, bzw. den Verlust der Kontrolle über die Daten, selbstbestimmt ist. 

„Aber es bleibt dabei: Es ist Ihre Entscheidung, auch wenn Sie dem Vorschlag der Algorithmen folgen. Nur wer akzeptiert, dass er sich vorhersagbar verhält, wird auch vorhersagbar handeln.“ (Friedrich, 2014)

Digitalos & die Netzgemeinde vs die analoge Außenwelt

Um nicht zu sehr abzudriften, möchte ich noch einmal auf die Kluft zwischen der Netzgemeinde und dem Otto Normalverbraucher zurückkommen. Katharine Große, genannt Tinka, die ebenfalls am TOGI bzw. dem Lehrstuhl für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik and der Zeppelin Universität beheimatet ist, schrieb hierzu auf netzpiloten.de, einem Magazin über Netzkultur und Netzpolitik, passend von einer digitalen Blase und von einer analogen Parallelwelt.
Die Digitalos sind zu sehr in ihrer eigenen Welt, wohingegen die normale Gesellschaft sich (weiter) zurückzieht und eine größere Zurückhaltung gegen die befremdlichen technologischen Erneuerungen und Fortschritte bildet. 

„Das Internet ist kein Vergnügungspark für Sozialisolierte, es ist das Rückgrat einer modernen Gesellschaft. Es ist ein wesentlicher zivilisatorischer Fortschritt, wie das elektrische Licht.“ (Große, 2013a)

 

Die Digitale Agenda

Nach dieser kleinen Reise in das digitale Deutschland, nun zur Digitalen Agenda. In der Follow-Up Session auf dem Barcamp (siehe oben) versuchten wir präzisere Punkte zu benennen und diese dann, durch Abstimmung nach Wichtigkeit, zu gewichten.

Nach einer kurzen Bewertung in kleiner Runde waren dies die Top-10:

  • Breitbandausbau im lokalen Raum auf 1GBit/Sek (Infrastruktur)
  • Forschungsvorhaben zur Digitalisierung
  • Wissenstransfer von Vordenkern zur Politik
  • Verbindungen zwischen Parteien und Vordenkern aufbauen und intensivieren
  • Verbindungen zwischen Parteien und Wissenschaft aufbauen und intensivieren
  • Verständliche und überzeugende Stories (für die Öffentlichkeit – Medien) 
  • Verständliche Visionen entwickeln
  • Ausbau der Netzinfrastruktur
  • Barcamps (u.ä.) für Minister und Staatssekretäre
  • Digitalisierungsmilliarde (Förderung) 

Dicht gefolgt kamen, zum Beispiel, innovative Denkformate wie Barcamps generell, Weiterbildung für Juristen, Politiker und Referenten, als auch die Rolle der Massenmedien.

Andere Punkte die für weniger relevant, bzw. nachrangig relevant, befunden wurden sind bspw. die NSA-Problematik für zielgerichtete Investitionen oder der Umgang mit dem „Scheitern“ der Piratenpartei als „Netzpartei“. 

Um die Punkte zusammenzufassen: Es gibt eine enorme Diskrepanz zwischen Vordenkern, privat, aus der Wirtschaft und aus der Wissenschaft, und der Politik. Diese Verbindung muss gestärkt werden. Ob nun „Vordenker“ die Ochsentour durch die Politik machen oder sich Referenten, MdBs oder andere Personen in politischen Organisationen weiterbilden, ist nachrangig. Vorrangig ist der Austausch und die Verständigung. Um dies der Gesellschaft näher zu bringen müssen verständliche Visionen aufgezeichnet werden und die Massenmedien an Bord geholt werden. Schließlich sind die Bürger, die Basis der Demokratie, der Knackpunkt zur Annahme oder Ablehnung. 
Eine weitere wichtige Basis ist die Netz-Infrastruktur. Nur wenn Unternehmen (inkl. Internet-Startups und traditionelle Unternehmen) und Bürger die Möglichkeiten auch wahrnehmen können, kann die Digitalisierung vorangetrieben werden. Natürlich besteht aber auch hier das Dilemma, dass die Beteiligten in erster Instanz den Investitionen zustimmen müssen. Es geht schließlich um Steuergelder. Hier gilt es wieder Visionen und Chancen, von den Vordenken und der Politik, über die Medien zu verbreiten. Transparenz und Information ist essentiell.

 

Nichts Neues und doch viel Neues im #Neuland

Wenn man sich die Punkte anschaut ist ein mancher sicherlich wenig Überrascht. Das ist doch nichts Neues. Die Probleme und Vorschläge gibt es doch schon lang. In der Tat. Nichtsdestoweniger müssen sie aufgezeigt und verständlich verbreitet werden. Das #Neuland-Debakel von Merkel ist noch nicht lange her. Und der Breitbandausbau als auch die Grundversorgung im ländlichen Raum, steht, wie die Tagesschau passend darlegt, auf wackeligen Füßen. 

Durch Wissensaustausch und -Transfer müssen die digitalen Vordenker, die Techies, die Neugierigen, zusammen mit der Politik,  im Unternehmen und im Bekanntenkreis (den Bürgen), die Digitalisierung angehen. Es geht nicht darum dass die Netzgemeinde sich noch mehr gehypte Produkte zulegt, neue eierlegende Wollmilchsäue kauft, oder tolle Dienstleistungen aneignet. Zumindest nicht in der großen Verbreitung der Digitalisierung. Techies und interessierte Personen sind in ihrer Vorreiterrolle wichtig. Vielmehr liegt es aber an der Kommunikation der Vorteile mit anderen, als auch an der Vermeidung einer digitale Blase, wie Katharina (Tinka) Große es andeutete. Wir müssen die German Angst gegenüber der Technik nehmen.

„Jüngere Menschen sind nachgewiesen technik-affiner. An ihnen liegt es, den Älteren klar zu machen, dass es nicht schick ist, wenig von Technik zu verstehen, sondern traurig.“ (Matthes, 2014)

 

 

Quellen:

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